Die Spur der Steinmetze

 
 
Unterwegs mit dem Steinmetz und Münsterbaumeister Hans Niesenberger von Graz im Freiburg des 15. Jahrhunderts (um 1420–1493). Der Rundgang beginnt auf der Südseite des Münsters mit dem Chorbau und endet auf der Nordseite des Münsters mit dem Chorbau und dauert ca. 45 Minuten.
 
Sie können dem Stadtrundgang auch auf komoot folgen.
 
 
 
  1. Freiburger Münster als Baustelle
1471 wird Hans Niesenberger von Graz als Münsterbaumeister eingestellt. Der Chor befindet sich mitten im Bau, erst die Hälfte der Außenmauern ist errichtet. Bei guten Lichtverhältnissen kann man an den Mauern des Kapellenkranzes, in etwa in der Mitte der Fenster die Trennung zwischen den vor und nach 1471 versetzten Steinen erkennen. Die nach 1471 verbauten Steine unterscheiden sich durch ihre Oberflächenbearbeitung.
 
Niesenberger richtet zunächst die Baustelle neu ein, lässt die Wege zu den Steinbrüchen
au
sbessern und neue Steine brechen. 1472 beginnt er die Arbeiten damit die einsturzgefährdeten Hochchorpfeiler abzunehmen, um sie wieder neu aufsetzen zu lassen. Im selben Jahr wird er auch bereits am Hauptturm tätig, wo nach Blitzeinschlägen Ausbesserungsarbeiten nötig werden.
 

  1. Bauhütte im Mittelalter (Münsterplatz 38)
Die Bauhütte, der Arbeitsraum der Steinmetze, wird 1472 neu eingerichtet: Ein Zeichentisch muss her, genauso wie Zirkel und Arbeitsgeräte. Heute befindet sich am historischen Standort das Lokal „Alte Wache“. Einen Eindruck vom Aussehen der mittelalterlichen Bauhütte gibt der Stadtplan von Gregorius Sickinger aus dem Jahr 1589.
Wenn man genau h
inschaut, sieht man wie ein Steinmetz einen Stein aus dem großen Tor in Richtung Münsterplatz transportiert.
 
Der Weg führt zwischen alter Wache und Münsterchor vorbei zur Herrenstraße. Blickt man zurück zum Chor sieht man den Münsterladen.
 
 
  1. Münsterladen (Herrenstraße 30)
Bereits 1472 werden zugunsten des Münsterbaus Produkte verkauft. Es handelt sich dabei um Spenden der Freiburger Bürger: kostbare Kleider, Tücher, Schmuck und Rüstungen. Die Waren wurden in Freiburg im Chorumgang bei der Sakristei ausgestellt. Auch heute noch kann man mit einem Kauf im Münsterladen den Bauunterhalt des Münsters unterstützen. Der Laden befindet sich in der „Alten Bauhütte“, ab 1600 der Arbeitsraum der Steinmetze. Im 15. Jahrhundert befindet sich in den Baukomplex das „Haus“, der Verwaltungsbau der Bauorganisation.
 
Vom Münster aus gehen wir eine Strecke, die die Steinmetze alle zwei Wochen gegangen sind. Wir bewegen uns weiter die Herrenstraße entlang in Richtung Schwabentor.
 
 
  1. Das Haus zwischen „Pfaffenhof“ und „Haus zum Eichhorn“ (Herrenstraße 34) ...
... gehört im 15. Jahrhundert der Münsterfabrik: Die Miete (der Zins) fließt in den Bau des Münsters. Im Haus wohnt 1477 der Schneider Konrad Hartmann. Die Herrenstraße heißt „Vordere Wolfshöhle“ und neben dem Schneider wohnen in der Straße weitere Handwerker und Geistliche. In der Straße befindet sich ein Haus zum Steinmetz, in dem 1515 der Münsterkaplan wohnt und eine Trotte, die 1459 an den Bau des Münsters geschenkt wird.
 
Hinter dem Schwabentor geht es rechts hinab in die Gerberau.
 
 
  1. Schwabsbad (Gerberau 48, heute: Reinigung Himmelsbach)
Ab 1471 dürfen die Steinmetze alle 14 Tage samstags zwei Stunden früher, um 15 Uhr, Feierabend machen, um ins Bad zu gehen. Die täglichen Arbeitszeiten der Steinmetze richten sich nach der Tageshelligkeit – im Sommer Montag bis Freitag von 5 Uhr morgens bis 19 Uhr Abends, am Samstag bis 17 Uhr. Drei Essenspausen von je einer Stunde sind vorgesehen, die Abendstunde wird später um eine halbe Stunde gekürzt. Vergünstigungen wie Essen, Wein, Bier und Baden sind im Spätmittelalter ü
bliche Mittel zur Mitarbeitergewinnung und sprechen sich unter den sehr mobilen Steinmetzgesellen schnell herum.
 
Am Gewerbekanal entlang geht es zum Augustinerplatz. Von hier bewegen wir uns aus der Vorstadt, dem Gewerbe- und Handwerkerviertel „Schneckenvorstadt“ zurück in den ummauerten Altstadtkern. Reste der mittelalterlichen Stadtmauer sind linker Hand sichtbar.
 
 
  1. Stadtmauer am Augustinerplatz
Deutlich wird der Höhenunterschied durch die um 1180 erfolgten Aufschüttung des Stadtgebiets. Die Aufschüttung von bis zu drei Metern Höhe wurde vorgenommen, um die Fließgeschwindigkeit der Bächle zu gewährleisten und so auch die Vorstädte mit Wasser zu versorgen. Noch heute haben einige der Häuser in diesem Altstadtbereich doppelstöckige Keller, wobei der obere Keller vor der Aufschüttung das Erdgeschoss bildete.
 
Wir kreuzen die Salzstraße und gehen durch die Augustinergasse, wo uns ganz versteckt ein Blick ins Mittelalter erwartet. Inmitten der Gasse befindet sich rechter Hand ein Torbogen aus Beton, der in eine Passage führt. Zunächst gelang man in einen Innenhof, dann linker Hand in einen Gang, in dem einige mittelalterliche Baureste sichtbar sind.
 
 
  1. Haus zur Rebe (Schusterstraße 35)
Das Mittelalter ist bunt! Nicht nur das Münster war bemalt, auch die Wohnräume der wohlhabenden Stadtbevölkerung waren farbig. Einen kleinen Eindruck von der Gestaltung spätmittelalterlicher Wohnräume in Freiburg bietet eine bemalte Riegelwand in der Passage des Hauses zur Rebe. Eine Wand aus Holzständern und breiten Holzbohlen war üblich als Innenraumtrennung – auch in Steinbauten. Neben der Wärme durch das Holz war das Baumaterial auch preiswerter. Kachelöfen erwärmten die Wohnstube, Bänke und Tische, Schränke und Truhen, Kissen und Decken sowie Waschbecken gehörten zur Ausstattung. Hans Niesenberger, der von Freiburg aus 1483 als Mailänder Dombaumeister eingestellt wurde, listet in seinem Vertrag die Ausstattung seiner 
Dienstwohnung: Betten, Bettwäsche, Decken, Bänke, Stühle, Kochtöpfe, ein paar Kaminböcke, ein Weinfass, dreifüßige Kessel, ein Tisch, ein Speisetischchen, große Planrollen, ein großer Waschkessel, zwei Pfannen, zwei Ketten für den Herd, vier Tischtücher und sechzehn Tüchlein.
 
Durch das Kaufhausgässle geht es zurück auf den Münsterplatz. Aus der Gasse sieht man den Erker des Kaufhauses. Ein ähnliches Haus mit Erker befand sich bis 1823 gegenüber vom Münsterturm.
 
 
  1. Heiliggeistspital (Münsterplatz 3)
Niesenberger baut 1479 direkt vis-à-vis zum Münsterturm die 1823 abgebrochenen Lugstühle, eine Reihe von Ladengeschäften. Die Architektur gleicht dem Kaufhaus auf der Südseite des Münsterplatzes. Vor den sieben von außen zugänglichen Kammern – die Kaufläden – ist ein überdachter, gewölbter Laubengang, in dem die Verkaufsware angeboten wird. Niesenberger bietet den gesamten Bau zum Festpreis an.
Der Münsterbaumeister ist gefragter Fachmann und arbeitet nicht nur am Münster, sondern betreibt eine eigene Werkstatt mit der er Bauaufträge in der Stadt und im weiten Umkreis annimmt.
 

Auch als Gutachter ist er tätig, beim Bau des Fischbrunnens, der
sich inzwischen auf dem Münsterplatz rechts hinter den ehemaligen Lugstühlen befindet. 1483 baut der Freiburger Stadtbaumeister Hans von Basel hier einen Brunnen, der 1807 vor Münsterstraße versetzt wurde. Bei der Brunnenschale traten Schäden auf, die Hans Niesenberger als Baufachmann begutachtet. Er rät, dass die Arbeit zwar nicht gut sei, die Schäden aber nach dem Vergießen nicht mehr sichtbar sein sollten.
 
Geradeaus durch die Münsterstraße gehen wir zur Kaiser-Joseph-Straße. Rechts ab, geht es durch die Rathausgasse auf das Neue Rathaus zu. Zwischen dem Alten und dem Neuen Rathaus – beide Bauten gehen auf das 16. Jahrhundert zurück, geht es durch eine Gasse zur Gerichtslaube, dem Rathaus des 15. Jahrhunderts.
 
  1. Gerichtslaube (Turmstraße 20)
In der Ratsstube der Gerichtslaube musste sich Niesenberger mehrfach vor Gericht verteidigen. 1479 in einem Streit mit einem ehemaligen Steinmetzgesellen, der ihm vorwarf für Lehrlinge Gesellenlohn abzurechnen und sich dadurch zu bereichern;  1481 mit seinem Nachbarn dem Maler Konrad Nüchter, der ihm vorwarf er sei kein berühmter Meister, sondern ein schlechter Meister, der unter Steinmetzmeistern nicht anerkannt sei; 1483 mit seinem Nachbarn Hans Steinmeyger, der zwei Fenster in Richtung Niesenbergers Innenhof anbringen wollte; 1485 wegen dem Bau eines Brunnens in der Küche des Predigerklosters, dessen Brunnenrohr so eng geraten war, dass kein Wasser durchfließen konnte. Während Niesenberger die Schuld dem Schmied zuschob, weist dieser darauf hin, dass er genau die Pläne des Baumeisters befolgt habe. 1491 wird Hans Niesenberger wegen Fehlern am Münsterbau schließlich gefangengesetzt und entlassen.
 
Die Gerichtslaube wurde um 1300 erbaut. Das Obergeschoss, dass über eine Außentreppe erreichbar ist, wird erst im frühen 16. Jahrhundert aufgesetzt. Das im zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörte Gebäude wurde 1979 wiederhergestellt.
 
Von der Gerichtslaube ist der Weg zu Niesenbergers Wohnhaus nicht weit. Der Weg führt wieder zurück durch die Gasse zwischen den beiden Rathäusern, dann nach links und schließlich nach rechts in die Gauchstraße. Die Häuser in der Gauchstraße wurden im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört. Niesenbergers Wohnhaus befand sich wohl an der Stelle, wo sich heute eine Durchfahrt im neuen Baukomplex befindet.
 
 
  1. Wohnhaus des Werkmeisters Hans Niesenberger (Gauchstraße 3)
Zu Beginn seiner Tätigkeit in Freiburg wohnt Niesenberger noch in Ravensburg. Jeweils 4 Tage braucht er für die Reise zwischen den beiden Städten. Spätestens 1478 zieht er in die Gauchstraße, wo er bald in einen Nachbarschaftsstreit mit Hans Steinmeyger gerät, da dieser zwei Fenster in Richtung der Badstube von Hans Niesenbergers Innenhof einbauen will.
 
Standort Wohnhaus Niesenberger
Durch den Streit erfahren wir etwas über den Wohnkomfort Niesenbergers: Der Meister hat eine eigene Badstube in dem Hinterhof seines Hauses. In dem Nachbarschaftsstreit setzt Niesenberger vor Gericht durch, dass die Fenster vergittert werden müssen, so dass niemand mehr den Kopf aus dem Fenstern strecken kann. Außerdem muss der Nachbar die Mauer zwischen den beiden
G
rundstücken bis zur Traufkante des Hauses aufmauern lassen.
Aus anderen Gerichtsakten erfahren wir, dass Hans Niesenberger die Verpflegung der Steinmetzgesellen übernahm und dafür einen Teil des Lohnes einbehielt. Auch andernorts war es üblich, dass nicht verheiratete Gesellen und Lehrlinge im Meisterhaushalt wohnten. Beim gemeinsamen Essen von Meister und Gesellen wurde der Austausch gepflegt und Informationen über die verschiedenen gotischen Kirchenbaustellen getauscht. Viele Steinmetze wanderten von einer Baustelle zur nächsten, auf Arbeitssuche, auf Reisen oder zu Ausbildungszwecken. Durch dieses Netzwerk verbreiteten sich Nachrichten von Ort zu Ort sehr schnell. Bis heute tauschen sich die Bauhütten untereinander aus und teilen ihr Wissen.
 
Vom Wohnhaus Niesenbergers geht es zurück durch die Marktgasse auf die Nordseite des Münsters. Aus der Marktgasse hat man einen schönen Blick auf den Münsterchor: Das Hauptwerk Niesenbergers. Auch wenn er letztlich entlassen wurde, zeigt doch Hochchor die Meisterschaft Niesenbergers. Denn unter seiner Leitung wurde 1482 das Chordach aufgesetzt.
 
Dauer: ca. 45 Minuten